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"Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur."
Max Frisch

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KOMM MIT TEMBO / Sechster Abend: DIE FATA MORGANA

Glühend brennt die Sonne auf die Erde. Bald steht sie senkrecht am Himmel, der Elefant und sein Reiter werfen kein bisschen Schatten mehr. Sie ziehen vorbei an schwarzen toten Baumstümpfen, an Dornenbüschen und roten Termitenhügeln. Wie Spielzeug hängen die kugeligen Vogelnester in den Zweigen der Akazien.

Glühend brennt die Sonne auf die Erde. Bald steht sie senkrecht am Himmel, der Elefant und sein Reiter werfen kein bisschen Schatten mehr. Sie ziehen vorbei an schwarzen toten Baumstümpfen, an Dornenbüschen und roten Termitenhügeln. Wie Spielzeug hängen die kugeligen Vogelnester in den Zweigen der Akazien.

Hochmütige Giraffen knabbern in den Ästen der Bäume und drehen verwundert die Köpfe. Kleine borstige Wildschweine laufen hintereinander im Gänsemarsch und suchen mit geschäftigem Trippelschritt das Weite.

Da kommt ein Mensch, denken sie, wir laufen lieber fort, man kann nie wissen ... Herden von schön gestreiften Gazellen bleiben stehen und wittern in die Luft. Tembo und Tissa ziehen vorbei an buckligen Gnus, die so groß wie Hirsche sind. Vorbei an Pferdeantilopen mit langen Borsten im Nacken und nach rückwärts gebogenen Hörnern.

Übermütig tollen die rundbauchigen Zebras mit ihren Jungen herum und lassen sich beim Spielen nicht stören. Und der Boden dröhnt und bebt, als eine Herde von blauschwarzen Kaffernbüffeln in wilder Flucht über die Steppe rast. Taram-taram... Wie riesige gekrümmte Finger ragen die dünnen Hälse der Strauße, aus dem Sand. Hier und da erhebt sich ein Vogel Strauß und lauft mit steifen Beinen weg.

Plötzlich hebt Tembo den Rüssel und stößt ein helles Trompeten aus - so gut eben ein Elefantenbaby trompeten kann. Lautlos springen zwei riesige haarige Paviane herbei und fletschen böse die langen Zähne. Und bevor der Tissa noch denken kann, haben sie schon seinen Beutel gepackt, weggerissen und sind mit ihm verschwunden. „Oh, diese verflixten Affen", schimpft Tissa und wirft ihnen einen Stein nach. „Jetzt haben sie meinen Beutel gestohlen, und wir haben keinen Maisbrei und keine Milch mehr!"

Betrübt ziehen sie weiter. Noch immer weit und breit kein Wasser, kein Dorf. „Ich hab' Durst", jammert Tembo, und das Dik-Dik schreit: "Ich hab' Hunger."
Und weil der kleine Elefant langsam müde wird, geht Tissa jetzt neben ihm barfuss über den heißen Steppenboden. Noch immer hält er das Antilopenbaby fest unter dem Arm. Sein Mund ist trocken, sein Kopf tut weh. Die Luft flimmert vor Hitze.

"Bitte, lieber Gott, lass uns bald Wasser finden!" betet Tissa leise. "Wenn ich hier verdursten muss, kommen die wilden Tiere und fressen Tembo und das Dik-Dik auf. Bitte, lieber Gott..." Auf einmal sieht er einen glitzernden See vor sicht mit vielen grünen Bäumen rundherum. Ganz nahe, zum Greifen nahe. Tembo hat ihn auch gesehen.

"Ein See voll Milch", ruft er entzückt und läuft schneller. „Ein See voll kühlem Wasser", sagt Tissa und freut sich. Er muss sich anstrengen, um mit dem Elefanten Schritt zu halten. Aber sie wandern und wandern, und die Oase kommt nicht näher. Stundenlang wandern sie - und auf einmal ist der See nicht mehr da. Einfach verschwunden, ebenso plötzlich wie er aufgetaucht war.

Denn es war kein richtiger See, nur eine tückische Luftspiegelung, eine Fata Morgana.
Immer mehr quält der Durst die drei einsamen Wanderer. Die Sonne hat ihre Bahn durchlaufen und senkt sich zur Erde nieder. Traurig blickt sie auf einen kleinen Jungen, auf ein Elefantenbaby und ein Dik-Dik, die ermattet mit gesenkten Köpfen dahintrotten.

"Ich würde euch gerne helfen", sagt die Sonne, "aber ich kann nichts anderes tun als schnell untergehen, dann ist es wenigstens nicht mehr so heiß."

In der Dämmerung kommen die drei zu einem meterhohen Termitenhügel. "Ich kann nicht mehr weiter", sagt Tembo und legt sich platt auf den Boden. Tissa setzt sich neben ihn und betet verzweifelt: "Lieber Gott, lass uns morgen Wasser finden, bitte. Und das mit der Oase, das war gar nicht nett von dir. Warum zeigst du uns einen See, den es gar nicht gibt?"

Das Dik-Dik schmiegt sich eng an Tembos Beine und quiekt immerzu: "Ich hab' Durst, ich hab' Hunger", bis es endlich einschläft. Wie ein weiter Mantel aus dunklem Samt hüllt die afrikanische Nacht den Negerjungen und die beiden Tiere ein. Die Zikaden beginnen aus tausend Stimmen zu zirpen. Eine Nachtschwalbe schießt vorbei, und Fledermäuse huschen im Zickzack durch die Luft. Ein Rudel Hyänenhunde verfolgt mit lautem Gekläff eine erschöpfte Gazelle.

Plötzlich läuft Tissa die Gänsehaut über den Rücken. In der Ferne ertönt ein furchtbares Brüllen. "Uaahh, uuuuaahhh ..." Und noch eines. Da sagt Tissa, und seine Stimme schwankt ein wenig: "Das ist Simba, der Löwe, er geht jetzt auf Raub aus und ruft allen Tieren zu: Nehmt euch in acht!" Fest klammern sich seine Finger um Pfeil und Bogen. In dieser Nacht kann Tissa nicht schlafen. Er muss über seine Tiere wachen.

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