Am nächsten Tag kommen Tissa, Tembo und das Dik-Dik endlich an einen wunderschönen See. Es war auch höchste Zeit. Wenn sie jetzt kein Wasser gefunden hätten, wer weiß, was aus ihnen geworden wäre...
„Das ist der Paradies-See, von dem mir mein Vater erzählt hat!" ruft Tissa und klatscht vor Freude in die Hände. Tembo hält seinen Rüssel in die Luft und trompetet vergnügt: „Das riecht nach viel Wasser!" Und das Dik-Dik, beginnt laut und ungeduldig zu quieken. Inmitten einer sanften Mulde liegt der See wie ein silberner Spiegel. An den Ufern wachsen weit verzweigte Baobab-Bäume und Palmen. Wie riesige Kerzenleuchter sehen die hohen Kakteen aus, die ihre schwarzgrünen Arme in den hellen Himmel strecken.
Auf den Spitzen der Kakteen sitzen große schwarze Marabus, bewegungslos, als wären sie aus Stein. Wie vom Teufel gejagt, so schnell läuft jetzt Tembo den schmalen Pfad zum Wasser hinunter. Tissa muss rasch von seinem Rücken herunter springen, denn schon wälzt sich der kleine Elefant grunzend und schnaubend im Uferschlamm. Wie ein Springbrunnen spritzt das Wasser in die Höhe, wenn er durch den Rüssel prustet.
Tissa steht bis zu den Knien im See und schlürft durstig aus seinen hohlen Händen. Das Dik-Dik hat seine Nasenspitze vorsichtig ins köstliche Nass getaucht. Und alle drei trinken, als müssten sie den See bis auf den Grund ausschöpfen.
Auch andere Tiere sind hier. Ein majestätischer Wasserbock flüchtet erschreckt ein paar Sätze zur Seite, bleibt dann stehen und äugt erstaunt. Dicke Nilpferde klatschen ins aufschäumende Wasser. Sie schwimmen ein Stück auf den See hinaus und tauchen ganz unter, bis man nur noch die Augenwülste und die Nasenlöcher sieht.
„Brrrr", schnaubt ein alter Nilpferdbulle, „ein kleiner Mensch! Wir beobachten ihn lieber aus sicherer Ferne!" „Ganz richtig", brummt ein anderes Nilpferd böse, „vielleicht kommen dann die großen schwarzen Menschen auch, die uns töten und essen wollen. „Warum wollen sie uns essen?" fragt ein neugieriges Nilpferdbaby. „Wie soll ich das wissen", antworte der Bulle, „unser Fleisch schmeckt, ihnen anscheinend besonders gut!" Und feindselig blinzeln seine tückischen Augen zu Tissa hinüber.
Unzählige Vögel bedecken das Wasser. Tschschsch... da erhebt sich ein Schwarm von zarten Flamingos in die Luft. Er füllt den Himmel für einen Augenblick mit rosarotem Geflatter, dann lässt er sich etwas weiter draußen wieder auf den See nieder. Aber die Pelikane und Störche lassen sich beim Fischen nicht stören. "Wenn ich dran denke, wie kalt es jetzt bei uns in Europa ist", schnattert ein Storch. ,,O ja, O ja", sagt seine Frau, "wir können froh sein, dass wir hier sind, hier gibt es viele dicke Frösche!" Und schon hat sie einen im Schnabel.
Würdig und gemessen stolzieren die eleganten Reiher am Ufer auf und ab. Glänzende Federkrönchen zittern bei jedem Schritt auf ihren Köpfen: Dort, im Schatten der Bäume, liegen faul und zwinkernd große grüne Krokodile. Einige schlafen mit weit aufgerissenen Mäulern, man kann ihnen tief in den roten Schlund sehen. Und Zähne haben sie, zum Fürchten!
Sogar ein mächtiges Nashorn ist zur Tränke gekommen. Auf seinem Rücken trägt es viele kleine Vögel, ohne sich um sie zu kümmern. Tembo staunt: "Brrr - ich möchte nicht, dass solche Tiere auf meiner Haut herumhacken. Weshalb lässt sich das Nashorn das gefallen?" Aber sein Freund Tissa weiß alles. "Das Nashorn hat ihnen erlaubt, auf seinem Rücken zu sitzen und die Käfer und Insekten aufzupicken, die es dort gibt." "Warum aber?" fragt der Elefant. "Dafür warnen die Vögel das Nashorn, wenn ein Feind in der Nähe ist. Denn sie können viel besser sehen als der kurzsichtige, schwere Geselle", antwortet der Junge.
Tissa, Tembo und das Dik-Dik haben lange im Wasser herumgespielt und sitzen jetzt im Schatten. Neben ihnen bricht ein Warzenschwein aus dem Dickicht, mit zwei riesigen Hauern, die ihm rechts und links aus dem Maul ragen. Auch eine schlanke Giraffe ist zum See hinunter gestiegen. Sie trinkt mit eingeknickten Vorderbeinen, damit ihr Kopf bis zum Wasser reicht.
Plötzlich verschwindet die Sonne hinter dünnen grauen Wolken. "Nanu - die Regenzeit hat doch noch nicht angefangen?" wundert sich Tissa und blickt zum Himmel. Ängstlich versteckt sich das Dik-Dik unter Tissas Beine, und Tembo schnuppert in die Luft. "Was ist das nur? Kein Nebel, auch keine Wolken, aber was denn?"
Polternd rennt das Nashorn zurück in den Wald. Die Wasserböcke flüchten, und die Giraffe verschwindet mit langen Beinen im Dickicht. Und schon ist die dunkle Wolke ganz nah, senkt sich immer weiter herunter. Millionen von winzig kleinen Seefliegen kreisen über dem Wasser und hüllen alles ein.
Die Fliegen kriechen Tissa in die Augen, in die Nase, bei jedem Atemzug schluckt er einen Haufen von ihnen und hustet und spuckt. "Pfui Teufel, diese ekelhaften Biester", schreit Tissa. Doch während er seinen Mund aufmacht, schwupp - hat er ihn schon voll mit Fliegen. Tembo geht es nicht besser, wild schlägt er mit dem Rüssel um sich und wackelt mit seinem dünnen Schwanz, aber es nützt gar nichts. Den winzigen Fliegen macht es großen Spaß, den Jungen und alle Tiere zu ärgern und zu kitzeln. Dabei summen sie. nicht einmal, sie stechen auch nicht, sie sind einfach da. Aber das genügt.
Drei Stunden lang belagern sie den See. Das Dik-Dik jammert: "Ich bekomme keine Luft mehr!" Tissa flucht leise, und Tembo trompetet verzweifelt: "Hilfe, Hilfe, ich ersticke!" Aber er erstickt nicht. Und nach einiger Zeit kommt ein Windstoß und nimmt den Fliegenschwarm wieder mit sich fort, als wäre nichts gewesen.
Dieser Beitrag ist Teil der Serie Komm mit Tembo:
- KOMM MIT TEMBO / Zweiter Abend: WIE DAS ELEFANTENKIND VERLORENGEHT
- KOMM MIT TEMBO / Dritter Abend: DAS ELEFANTENKIND FINDET EINE NEUE MUTTER
- KOMM MIT TEMBO / Vierter Abend: TEMBO UND TISSA AUF WANDERSCHAFT
- KOMM MIT TEMBO / Fünfter Abend: WIE TISSA EINE ZWERGANTILOPE FINDET
- KOMM MIT TEMBO / Sechster Abend: DIE FATA MORGANA
- KOMM MIT TEMBO / Siebenter Abend: DER PARADIES-SEE UND DIE KLEINEN FLIEGEN
- KOMM MIT TEMBO / Achter Abend: WENN DIE SCHWARZEN MENSCHEN TANZEN
- KOMM MIT TEMBO / Neunter Abend: WIE MAN NACH ELEFANTENART EINKAUFEN GEHT
- KOMM MIT TEMBO /Zehnter Abend: BEI DEN WILDEN MASSAI
- KOMM MIT TEMBO / Elfter Abend: DIE SCHLANGE UND DER ZAUBERER
- KOMM MIT TEMBO / Zwölfter Abend: SANDOA, DER ALTE MÄRCHENERZÄHLER
- KOMM MIT TEMBO / Dreizehnter Abend: WIE TEMBO UND DAS DIK-DIK FORTGEHEN
- KOMM MIT TEMBO / Vierzehnter Abend: WIE DER LÖWE DAS ELEFANTENBABY FRESSEN WILL
- KOMM MIT TEMBO / Fünfzehnter Abend: WIE TEMBO GERETTET WIRD
- KOMM MIT TEMBO / Sechzehnter und letzter Abend: TISSA NIMMT ABSCHIED VON SEINEM ELEFANTENKIND
- KOMM MIT TEMBO / Erster Abend: EIN ELEFANT WIRD GEBOREN



















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