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"Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur."
Max Frisch

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KOMM MIT TEMBO /Zehnter Abend: BEI DEN WILDEN MASSAI

Sie wandern die ganze Nacht. Sie wandern noch immer, als die Sonne wieder ein Stück am Himmel hinauf gekrochen ist und das Land in heißes, gelbes Licht taucht. Im Hintergrund erhebt sich die schneebedeckte Kuppel des Kibo. Das ist der große Berg, auf dem die Götter wohnen. Er hüllt sich den ganzen Tag in eine dichte Wolkenkappe, und nur gegen Abend zeigt er sein ganzes Gesicht. Dann sagt er "Guten Abend" - und versteckt sich wieder.

Sie wandern die ganze Nacht. Sie wandern noch immer, als die Sonne wieder ein Stück am Himmel hinauf gekrochen ist und das Land in heißes, gelbes Licht taucht. Im Hintergrund erhebt sich die schneebedeckte Kuppel des Kibo. Das ist der große Berg, auf dem die Götter wohnen. Er hüllt sich den ganzen Tag in eine dichte Wolkenkappe, und nur gegen Abend zeigt er sein ganzes Gesicht. Dann sagt er "Guten Abend" - und versteckt sich wieder.

Da steht auf einmal, wie aus dem Boden gewachsen, ein schlanker junger Mann in der Steppe. Er ruht sich gerade aus. Er tut das, indem er nur auf einem Bein. steht, wie ein Marabu, den anderen Fuß stützt er an sein Knie. Er ist fast nackt, nur von der rechten Schulter hängt ein Tuch i

n Falten über seinen roten Körper. Denn er hat sich über und über mit roter Lehmerde angeschmiert. Seine Haare sind zu einem Zopf gebunden und mit einem Lederriemen über der Stirne festgehalten. Er trägt eine Holzkeule in der Hand und im Gürtel steckt ein langes scharfes Messer. Er steht wie angewurzelt, unbeweglich, das Kinn hochmütig in die Höhe gereckt.

Als er Tissa, den Elefanten und das Dik-Dik sieht, spuckt er weit aus vor Erstaunen und grüßt: "Saubaaa!" „Jambo!" antwortet Tissa ein wenig schüchtern. Denn da der Mann auf einem Bein steht und rot angemalt ist, weiß er, dass er es mit einem Massai zu tun hat. Und sein Vater hatte ihm schreckliche Geschichten von den wilden Massai erzählt. Wie einmal eine ganze Horde von ihnen das Dorf überfiel und alles Vieh raubte, das in den Ställen stand.

„Wer bist du?" fragt der junge Massai streng. "Ich bin Tissa, vom Stamme der Wakamba." "Woher kommst du und was suchst du in meinem Land?" will der Massai wissen. "Mein Dorf liegt weit hinter den Bergen... ich bin auf Wanderschaft und suche Milch für meine Tiere!", antwortet Tissa.
Da blickt der Massai auf Tembo und das Dik-Dik. „Wo kommen denn diese beiden her?" „Der liebe Gott hat sie mir geschickt, jetzt muss ich auf sie aufpassen und sie ernähren!", sagt Tissa. Und dann fragt er: "Und wer bist du eigentlich?" "Ich bin ein Massai, ein Krieger", antwortet der junge Mann und wirft seinen Kopf stolz in den Nacken. "Aber gegen wen führst du denn Krieg?" fragt Tissa erstaunt. "Gegen niemanden, leider. Aber ich bin trotzdem ein Krieger, weil meine Väter Kriege führten", meint der Massai.

„Was tust du dann hier?" fragt Tissa. "Ich komme gerade aus dem Nachbardorf, dort habe ich gegessen und getrunken und getanzt", antwortet der Massai. Und wieder spuckt er durch seine Zahnlücke. Als er ganz klein war, haben ihm seine Eltern zwei Zähne aus dem Unterkiefer heraus gebrochen. Die Massai finden so ein Loch schön. Und weil Tissa keine Zahnlücke zum Ausspucken hat, denkt sich der Massaikrieger: Dieser Junge sieht aus wie einAffe. Denn er weiß nicht, dass es zu Hause bei Tissa nicht Sitte ist, den Kindern die Zähne herauszuziehen.
„Und wie heißt du?" forscht Tissa weiter. "Ich heiße Juma", antwortet der Krieger. "Wo lebt deine Sippe?" fragt Tissa. "Unser Kral liegt gleich da hinten. Mein Vater ist ein sehr reicher Mann. Er hat dreihundert Stück Vieh, die ihm ganz alleine gehören", sagt der Massai stolz.

"Und was macht man als Krieger so den ganzen Tag?" will Tissa wissen.
„Ich esse trinke und tanze - das ist alles ..." lacht der Massai und zeigt seine weißen Zähne. "Und musst du nie arbeiten?" fragt Tissa verwundert. "Arbeiten ... bah", wieder spuckt der Krieger aus/ diesmal voll Verachtung, "das ist etwas für unsere Sklaven. Aber wir selbst arbeiten nie ..." "Seltsam", sagt Tissa, und er denkt an seinen Vater und seine Mutter, die beide immer so viel arbeiten mussten. Sie hatten nie Sklaven gehabt und besaßen nicht mehr als zwei magere Kühe.

"Wenn du willst", sagt Juma, „kannst du mit mir in unser Dorf kommen. "Dort gibt es sicher viel Milch, denkt Tissa und freut sich. Und bald kommen sie in den Massai-Kral. Wie Bienenkörbe sehen die mit Lehm beworfenen Reisighütten aus. Und weil die Massai ziemlich schmutzig sind, wimmelt es überall von schwarzen Fliegen, die sich kaum verscheuchen lassen.

"Das ist Tissa", sagt Juma zu seinem Vater, dem alten Sandoa, und führt Tissa in die Hütte. Sandoa nimmt Tissas Kopf zwischen seine Knie, spuckt ihm ein wenig auf die Stirn und spricht: "Gott gebe dir ein langes Leben und graue Haare wie mir. Du sollst mein Gast sein." Von allen Seiten kommen die Massaifrauen hergelaufen und bestaunen Tissa, Tembo und das Dik-Dik.

"Woher kommen denn die? Seit wann reiten denn Kinder auf Elefanten herum?" reden sie aufgeregt durcheinander. Sie tragen schwere Ohrgehänge, die ausgedehnten Ohrläppchen reichen bis zur Schulter. Mit den Schwanzhaaren der Giraffe haben sie auf ihre ledernen Armbänder unzählige bunte Perlen aufgenäht. Doch bald haben sich auch die Frauen an die seltsamen Gäste gewöhnt und bleiben nicht mehr neugierig stehen.

Tissa fühlt sich im Massai-Kral sehr wohl. Er bekommt reichlich Milch für seine Tiere, und die Bäuche von Tembo und dem Dik-Dik werden runder und runder. Wenn sie genug getrunken haben, laufen der Elefant und die kleine Antilope auf den Dorfplatz. Und sie spielen mit dem zahmen Vogel Strauß, der dort auf· und abstolziert und alle Vorübergehenden in den Arm zwickt. Am liebsten spielt der große Vogel mit ihnen Verstecken. Dann bohrt er seinen Kopf in den Sand und glaubt, man kann ihn nicht sehen.

Der Massai-Krieger hat den kleinen Tissa bald ins Herz geschlossen. Und weil er ja den ganzen Tag nichts zu tun hat, macht es ihm große Freude, Tissa herumzuführen. Tissa nährt sich wie Juma nur von geronnener Milch und Rinderblut. Das ist die Lieblingsspeise der Massai. Aber manchmal bekommt er doch Lust auf eine Banane oder etwas Reis: auf einen Hasenbraten oder auf ein knuspriges Hühnchen.

Da stößt ihn Juma in die Seite und sagt: "Du bist doch mein Freund, pfui, du darfst diese Dinge nicht essen. Das essen ja nur die Wilden ..." Und Tissa trinkt weiter das Gemisch aus Milch und Blut, obwohl es ihm nicht besonders schmeckt. Er will Juma nicht kränken.

Stundenlang streunen die beiden über die Viehweiden. Neben dem großen Krieger sieht Tissa wie ein winziger Zwerg aus. Tissa staunt sehr, als er merkt, dass Juma jede der dreihundert Kühe genau beim Namen kennt. Sie heißen "Goldkälbchen", "Graugesprenkelte" oder „Silbernase" und haben viele andere schöne und zärtliche Namen. Der Krieger weiß auch hübsche Lieder zu singen, die nur von den Kühen handeln. Denn nichts liebt der Massai so sehr wie sein Vieh.

"Aber warum müsst ihr dann Vieh stehlen, wenn ihr ohnehin schon so viel habt?" fragt Tissa seinen Freund und denkt an die Geschichten, die ihm sein Vater von den räuberischen Massai erzählt hatte. „Pah" schnaubt Juma verächtlich, "weißt du denn nicht, dass der große Gott Naiterukop vor langer Zeit das ganze Vieh der Welt nur uns Massai geschenkt hat? Und was heißt stehlen ... Es ist doch nur recht und billig, wenn wir uns hier und da aus Zeitvertreib ein paar von diesen Kühen zurückholen!" Merkwürdig, denkt Tissa, hoffentlich holen sie nicht auch die beiden Kühe meiner Eltern!

Aber er gewöhnt sich bald an die vielen seltsamen Dinge, die er bei den Massai erlebt.

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