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"Nur wer sich ändert, bleibt sich treu."
Wolf Biermann

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Eine Vorstellung von der Vorstellung

Zunächst hatte es danach ausgesehen, als hätte Zwundine mit unseren ersten zwölf Nächten ihre Mission als erledigt betrachtet. Denn die Nacht darauf, sie wäre die Dreizehnte gewesen, verlief denkbar ereignisfrei. Traum- und unterbrechungslos schlief ich sie durch, vermutlich auch eine Folge der vorhergegangenen zwölf Belehrungsnächte, die ja doch den gemeinhin erforderlichen Erholungsschlaf einigermaßen beeinträchtigt hatten.

"Also der Schopenhauer meint, ohne Wille nützt die Vorstellung nichts und ohne Vorstellung nützt der Wille nichts."

Auch war tagsüber von mehr an gutem Leben noch nicht viel zu bemerken gewesen, außer vielleicht, dass ich gleich nach der ersten Nacht in meiner Postmappe am Schreibtisch - als Chef bekommt man täglich eine Postmappe, auch wenn keine Post drin ist - eine gar nicht unerhebliche Gutschrift vom Finanzamt vorgefunden hatte..

Ganz anders die nachfolgende Nacht. Wieder war ich ahnungs- und erwartungslos eingeschlafen, als mich plötzlich die lieb gewordene Geräuschabfolge weckte. Die Bewegung an der Türe, das leise Watscheln, das kleine Knarren an der Bettkante.

"Da staunst Du wohl" hörte ich die vertraute Stimme flüstern, "aber ich habe da noch etwas nachzutragen. Gestern Nacht war mir doch gehörig langweilig geworden, so ganz ohne Besuchsprogramm, und da habe ich kurz einmal den Schopenhauer durchgescannt, der da bei Euch in der Bibliothek verstaubt. Interessiert hat er mich schließlich schon lange, mit seiner Welt als Wille und Vorstellung, Du weißt schon."

Ich wusste nicht, vielleicht hätte ich es freimütig gestehen sollen, Schopenhauer war bislang an mit vorbeigegangen, das heißt besser, ich war bislang an Schopenhauer vorbeigegangen. Ich tat also so, als wüsste ich schon, was Zwundine ihr Anliegen erleichterte, da sie sich nicht veranlasst sah, grundlegend ausholen zu müssen.

"Also der Schopenhauer, wenn ich ihn richtig verstanden habe, und ich glaube schon, dass ich ihn richtig verstanden habe, also der Schopenhauer meint, ohne Wille nützt die Vorstellung nichts und ohne Vorstellung nützt der Wille nichts."

"Ja, das würde ich auch so sehen" log ich für's Erste einmal, denn in Wahrheit sah ich gar nichts. So mitten in der Nacht plötzlich Schopenhauer, das war schon eine harte Bandage!
Zwundine kicherte wieder einmal leise vor sich hin, ich mochte dieses Kichern an ihr sehr. "Ich musste da natürlich gleich an unsere erste Begegnung denken. Ich hänge da ziemlich unglücklich unten im Vorzimmer, drücke sogar eine Träne heraus, weil ich mir so leid tue. Da fällt mir ein, wie viel schöner es doch wäre, in Eurer Bibliothek zu hängen. Kaum stelle ich mir das vor, höre ich Dich zu Deiner Frau sagen "die kommt in unsere Bibliothek". Erstaunlich, findest Du nicht, was ich allein mit ein bisschen Vorstellung erreicht hatte?"
Ich fand das schon auch und hatte auch gleich eine Erklärung bei der Hand: "Na ja, Ihr Zwischenwesen habt da vermutlich Eure eigenen Methoden."

Ich wollte ihr nicht ihre Illusionen rauben und sie darauf aufmerksam machen, dass es wohl eher ihre herausgequetschte Träne gewesen war, die mich so nachdrücklich auf sie aufmerksam gemacht hatte - oder war vielleicht gerade das eine ihrer eigenen Methoden gewesen?
"Eigentlich wollte ich ja gleich gestern damit zu Dir kommen", fuhr Zwundine fort, „aber das wäre dann die dreizehnte Nacht gewesen! Dreizehn! Das kommt für Unsereins nun wirklich nicht in Frage, wo wir doch diese schreckliche Katastrophenzahl sogar beim Zählen und Rechnen auslassen."

"So bist Du halt heute das dreizehnte Mal bei mir", ich konnte es nicht lassen, diese kleine Bosheit loszuwerden. "Ich sag' Dir doch, dreizehn gibt es bei uns nicht, die Zwölfte war die Zwölfte und heute ist die Vierzehnte, damit basta!" Zwundine klang bereits etwas ärgerlich.
Vor so viel Rabulistik musste ich wohl endgültig kapitulieren. Auch wollte ich Zwundine nicht weiter reizen, denn schließlich war sie ja gekommen, wie sie sagte, um Wichtiges nachzutragen.

"Wo waren wir stehen geblieben?" Zwundine setzte sich neu zurecht, allerdings war sie jetzt etwas abgerückt, wohl als unmissverständlichen Ausdruck ihrer Missbilligung. "Ach ja, Wille und Vorstellung. Ich hing also da unglücklich im Vorzimmer und stellte mir vor, wie schön es doch wäre, in Eure Bibliothek zu übersiedeln. Hätte ich mir das nur so vorgestellt, wäre ich wohl ewig dort hängen geblieben. Also musste der Wille her, der Wille zur Veränderung, ganz so, wie der Schopenhauer das postuliert. Nur wusste ich damals noch nichts vom Schopenhauer. Aber irgendwo muss er es ja auch hergehabt haben, also habe ich es auch irgendwo hergenommen, frag' mich nicht.

Weil ich also die Vorstellung hatte, in der Bibliothek zu hängen statt da unten in dem finsteren Vorraum, und mittlerweile auch den Willen dazu, bin ich in der Nacht zu Dir gekommen und wir haben unseren Pakt geschlossen. War doch gut so, oder?" Ich konnte ihr nicht widersprechen, zweifellos war es gut so, wie es gekommen war. „Und jetzt hänge ich dort. Wille und Vorstellung, was sagst Du dazu?" „Toll", wenn man es recht überlegte, war es ja wirklich toll, was die Doppelschwänzige da erreicht hatte, „und was fang' ich damit an?"

„Deswegen bin ich hier. Pass auf. Wir haben jetzt zwölf Nächte hindurch lang und breit darüber gesprochen, wie Du an mehr vom guten Leben herankommst. Da Du mir im Allgemeinen gut zugehört und dann und wann sogar einen spärlichen Beitrag geliefert hast, können wir davon ausgehen, dass Du mittlerweile auch tatsächlich weißt, was Du willst."

Ich wusste es nicht. Als kleiner Bub, ja, da hatte ich konkrete Vorstellungen gehabt, was ich mir von meinem Leben gewünscht und erwartet hätte: Ein nettes kleines Märchenschloss zum Wohnen etwa, ein Bootshaus im Salzkammergut und immer Schokolade, wenn ich gerade Lust darauf hatte. Die Vorstellung wäre also da gewesen, nur mit dem Willen hatte es bislang nicht immer geklappt.

Zwundine hatte wieder einmal mit mir mitgedacht und konnte daher übergangslos fortsetzen, wo ich soeben aufgehört hatte zu denken:

„Na siehst Du - und so wie Dir geht es den meisten Menschen: Sie machen sich kein Bild von dem, was sie von ihrem Leben wollen, und daher wird auch nichts draus. Folglich bekommen sie vor der Zeit Krebs und sterben, bevor sie noch richtig gelebt haben.
Da gibt es das schöne Beispiel von dem Mann, der seiner Familie unbedingt ein Haus bauen möchte. Leider hat er aber keine Vorstellung davon, wie das Haus beschaffen sein sollte, ergo kann es auch nicht gebaut werden.

Und dann gibt es den Mann, der sich bis ins Detail vorgestellt hat, wie das Haus aussehen würde, das er eines Tages seiner Familie bauen würde. Nur leider hatte er gar nicht die Absicht, dieses Haus auch tatsächlich zu bauen. Ihm fehlte also der Wille, das Haus zu bauen und deshalb wurde auch dieses Haus niemals gebaut.

Und wie mit den Häusern ist es auch mit all den anderen Gegebenheiten im Leben beschaffen. Wenn man sich kein Bild von dem macht, was man erreichen möchte, nützt der beste Wille nichts. Man wird sinnlos herumrudern und nicht von Fleck kommen.

A propos herumrudern, auch ein schönes Beispiel! Stell Dir vor, Du hast also Dein Bootshaus, sitzt mitten im Fuschlsee in Deinem Ruderboot und ruderst vor Dich hin. Du hast durchaus den Willen, zu rudern, aber keine Vorstellung davon, wo Du eigentlich hinrudern willst. So ruderst Du im Kreis oder auch zickzack, ohne jemals irgendwo anzukommen. Ganz viele Menschen machen das mit ihrem Leben so und wundern sich, dass sie nirgendwo ankommen.

Andere wiederum haben ein sehr genaues Ziel vor Augen, aber sie rudern nicht, weil Ihnen Rudern keinen Spaß macht oder sie zu faul zum Rudern sind oder weil sie ganz einfach nicht rudern wollen. Auch solche Leute kommen natürlich nirgendwo an. Nur die ganz Wenigen, die eine feste Vorstellung davon haben, wo sie hin wollen und dazu den festen Willen, dieses Ziel auch zu erreichen, nur die werden so lang und so energisch rudern, bis sie dort sind, wo sie tatsächlich hin wollten."

So hatte Zwundine also auch in unserer dreizehnten, pardon, vierzehnten Nacht wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen. Aus mittlerweile eigener Erfahrung kann ich uns allen nur raten: machen wir uns ein Bild von dem, was wir erreichen wollen. Ohne Bild geht nichts, das Bild hingegen ist bereits die halbe Erfüllung! Gedanken schaffen Wirklichkeiten, vorausgesetzt es kommt der Wille dazu, sie auch umzusetzen! Wenn wir uns also mehr vom guten Leben wünschen, brauchen wir das nur ernsthaft zu wollen.

Vorausgesetzt, wir haben davon eine ausreichend präzise Vorstellung, was wir uns unter gutem Leben vorstellen!

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Kommentare

Ioan un d wundine

Wunderbar zu lesen, es entsteht Lust darauf, erstens die Geschichte weiterzulesen und zweitens auch bei Schopenhauer nachzuschaun.....
Der Stil in dem die Geschichte geschrieben ist, ist faszinierend,
wir hoffen, dass die nächtlichen Besuche noch lange nicht aufhören

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