„Heute ist die Nacht der Sünde" mit tiefem Ernst hatte sich Zwundine an mein Bett gesetzt. „A-propos, mir ist ein bisserl kalt, darf ich zur Dir unter die Decke schlüpfen? Ihr habt nicht eingeheizt und in der Bibliothek ist es ziemlich zugig bei Westwind"
Offen gesagt, mit ihrem Anliegen brachte sie mich in nicht gelinde Verlegenheit. Zum Einen lag ja doch meine Frau neben mir, augen- und ohrenscheinlich in tiefem Schlaf zwar, aber man weiß ja, Ehefrauen hören auch im Schlaf das Gras wachsen. Zum Anderen war Zwundine eben Zwundine, vom Scheitel bis zur Taille samt ihrer Stupsnase und den festen Brüstchen eine höchst attraktive Frauensperson, von der Taille abwärts hingegen mit ihren immerhin zwei, aber dennoch eben schuppigen Schwanzflossen ein überaus fragwürdiges Wesen, was allfällige erotische Anwandlungen anbelangte.
Wer hat denn die Sünde erfunden?
Ich gestehe es freimütig, ich war der Situation nicht völlig gewachsen. Doch einmal mehr wusste Zwundine die Lösung:
„Feigling" meinte sie trocken, wozu hast Du zwei Decken? Du wickelst Dich in die eine und ich schlüpfe unter die andere, fertig." Und so geschah es auch. Beide strampelten wir uns zurecht und Zwundine konnte beginnen:
"Also erst einmal bin ich überhaupt der Überzeugung, dass die Sünde nicht vom lieben Gott erfunden wurde, sondern von den Menschen. Im Orient erzählt man sich dazu eine wunderbare Geschichte, die wird Dir auch gefallen:"
Zwundine war samt ihrem Deckenwickel noch etwas näher gerutscht, fast konnte ich den Hauch ihres Atems an meinem Ohr spüren.
„Also das geht so: Da Gott die Sünde in seinem Schöpfungsplan ursprünglich nicht vorgesehen hatte, wollte er die Menschen doch wissen lassen, was nun recht sei und was nicht. Ganz sicher hoffte er, die Menschen auf diese Weise erst gar nicht auf die Idee kommen zu lassen, dass etwas Sünde sein könnte. Schließlich hatte er ja alles, was später zur Sünde geraten sollte, auf das liebevollste vorbereitet, damit seine Menschengeschöpfe damit Freude und Genuss haben sollten oder zumindest im Leben besser zurechtkommen.
Gott machte sich also auf den Weg, um die Menschen mit seinen Vorstellungen vertraut zu machen. Zuallererst begab er sich zu einem berühmten Scheich zwischen Euphrat und Tigris, denn, so dachte Gott, wenn ich diesen Scheich überzeugen kann, werden seine hunderttausend Untertanen sich doch gewiss daran halten.
"Was kann ich für Dich tun?" fragte der große Scheich, als Gott vor ihm stand.
"Ich bringe Dir das Gesetz" sagte Gott.
"Das Gesetz? Was ist das? fragte der Scheich verwundert, denn er war bisher auch ohne Gesetze sehr gut zurecht gekommen.
"Also zum Beispiel: Du sollst nicht ehebrechen" gab Gott zur Antwort.
"Ach Du lieber Gott", sagte der Scheich, "ich soll nicht ehebrechen! Ich bin doch schon froh, wenn ich mit meinen zwölf Dutzend legitimen Ehefrauen einigermaßen zurecht komme. Glaubst Du wirklich, ich habe da noch Lust und Zeit zum Ehebrechen?"
Da ließ Gott den Scheich Scheich sein und begab sich in die jemenitische Wüste, um über das Erlebte nachzudenken. Als er so dasaß und grübelte, kam ein armer Kameltreiber vorbei.
"Wenn schon die Reichen mein Gesetz nicht brauchen, sollte ich es vielleicht mit den Armen versuchen" dachte Gott.
Gesagt, getan. Er ließ das Kamel kurz lahmen, damit der Kameltreiber anhalten musste.
"Komm, setz Dich zu mir, ich hab' da was für Dich" sagte Gott zu dem verärgerten Kameltreiber. Der wollte zwar nichts als weiter, musste aber wohl oder übel einsehen, dass eine Ruhepause angesagt war.
"Und - was willst Du von mir?" fragte er Gott ungeduldig.
"Ich bringe Dir das Gesetz" sagte Gott.
"Das Gesetz? Nie gehört! Was kann das schon sein?" Der Kameltreiber wurde neugierig.
"Also zum Beispiel", antwortete Gott, "Du sollst nicht stehlen".
"Auf Dich hab' ich gerade gewartet" schrie der Kameltreiber wütend, "ich soll also nicht stehlen! Und wovon soll ich dann die Familie ernähren, die Gott mir geschenkt hat?"
Beschämt brachte Gott ganz schnell das Bein des Kamels in Ordnung, damit die beiden weiterziehen konnten. Noch lange hörte er den abziehenden Kameltreiber vor sich hinschimpfen "hat man so etwas schon gehört! Ich soll nicht stehlen!"
Etwas ratlos machte sich Gott auf den Heimweg. Auf dem höchsten Berg weit und breit, oben am Berg Sinai, saß gerade ein ebenso ratloser Moses, der mit seinem Volk unten am Fuß des Berges nicht mehr zurechtkam und sich in die Einsamkeit zurückgezogen hatte.
"Das ist bestimmt göttliche Fügung" dachte sich Gott, "dem Mann kann geholfen werden".
"Hallo" sagte Gott zu Moses "ich bringe Dir das Gesetz!"
"Schön schön," meinte Moses, denn er war nicht abgeneigt. "Was kostet mich das?"
"Das Gesetz", Gott sagte es würdevoll, "das Gesetz kostet nichts!"
"Wenn das so ist" antwortete Moses lebhaft, soll es mir recht sein. "Wenn es nichts kostet, lieber Gott, nehme ich zehn!".
Gott übergab also sein Gesetz, praktischerweise war es in Form von zehn Geboten augenblicklich in Stein gemeißelt, und Moses nahm es zufrieden entgegen. Man nahm Abschied voneinander und jeder ging seines Weges.
Soweit die orientalische Fabel. Ich hab' keine Ahnung, was daran wahr ist, ein alter Rabbiner, der lange hier im Haus gewohnt hat, hat mir erzählt, wie es weitergegangen ist:
Von Gott hat man lange Zeit nichts mehr gehört. Moses aber stieg zu Tal, um dem Volke Israel das Gesetz Gottes zu überreichen. Doch da unten herrschte das reinste Tohuwabohu. Die Leute waren schließlich schon vierzig Jahre durch die Wüste gezogen ohne die geringste Unterhaltung. Die Einen hatten genug von der kärglichen Wüstennahrung und wollten unbedingt zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens, andere wieder begannen damit, ein Kalb golden aufzuputzen, um es in Folge hektisch zu umtanzen. Die Dritten gaben sich fröhlich der Unzucht hin, denn sie kannten ja das Wort Unzucht noch nicht und hielten daher ihre Beschäftigung für ein gottgefälliges Vergnügen, hatte ihnen doch die Schöpfung alle die netten Dinge mit auf den Weg gegeben, die sich dafür anboten.
Moses traute seinen Augen nicht. Wütend schmetterte er die Gesetzestafeln zu Boden, dass sie zerbarsten. "Ihr Sünder", brüllte er seine Leute an, "ich bringe Euch das Gesetz Gottes und Ihr benehmt Euch wie gottloses Gesindel!"
Die Gesetzestafeln waren also zerborsten und niemand konnte sie wieder zusammensetzen. So werden die Menschen niemals wissen, was nun wirklich die Gesetze Gottes waren und bleiben auf ewig auf die Interpretationen des wütenden Moses angewiesen. Er erklärte also kurzerhand alles zur Sünde, was ihm gegen den Strich ging und fügte auch gleich noch ein paar Todsünden dazu: Die Völlerei zum Beispiel, verständlich, denn es gab tatsächlich nicht viel zu essen, aber auch die Wollust, denn er war erschöpft von seiner anstrengenden
Bergwanderung und all dem Ärger danach. So wollte er vor allem auch Ruhe von den Frauen, die ihn umdrängten, da er ja schließlich ihr Chef und Führer war.
Wie gesagt, keine Ahnung, was daran wahr ist, aber unser alter Rabbiner hat es so erzählt und daraus seine Schlüsse gezogen. Von diesem Tag an, hat er gemeint, werden in aller Welt die Sünden dazu verwendet, die Menschen in Abhängigkeit, Demut und Zerknirschung zu halten. Denn rund um die sogenannten Sünden war auf der Stelle ein unbeschreibliches Chaos ausgebrochen. Gleich nach den Büchern Moses kannst Du auf den folgenden tausend Seiten im Alten Testament in dichter Folge über Mord, Totschlag, Ehebruch, Sodomie und alle verwandten Disziplinen lesen. Die nachfolgenden christlichen Kirchen ließen unverzüglich gleich millionenfach, stets aber gottgefällig, foltern, verbrennen, ausrotten. Sodomie und Unzucht aller Arten wurden und werden dort zu allen Zeiten und allerorts gerne geübt und seit jeher von der römischen Amtskirche und ihrer protestantischen Kollegenschaft nicht allzu schwer genommen.
Wir zwei aber, die wir nun die Hintergründe kennen, wissen jetzt, dass es die Sünden in Wahrheit gar nicht gibt. Sie wurden von Menschen erfunden, um Menschen zu demütigen und Menschen zu quälen, um Menschen in Abhängigkeiten zu zwingen und Menschenleben zu zerstören.
Warum erzähle ich Dir das alles? Weil Du unmöglich mehr vom schönen Leben leben kannst, solange Du glaubst, in Sünde zu leben. Sündige also getrost und fröhlich in allem, was Du glaubst, vor Deinem Gewissen vertreten zu können. Unterlasse aber alles, was Dich beschwert oder verunsichert. So bleibt Dein Geist und Deine Energien frei für das, was wir uns gemeinsam vorgenommen haben."
Zwundine war ein wenig keck geworden während ihrer temperamentvollen Darlegungen. Das Thema Sünde lag ihr offenbar sehr am Herzen und so war sie mit ihren festen kleinen Brüsten
meinen Händen doch immer wieder recht nahe gekommen.
„Brav warst Du, ich sag' auch nichts der Mami" flüsterte sie mir ins Ohr, als sie sich aus ihrer Decke wickelte und aufstand. „Danke für den warmen Unterschlupf" waren ihre letzten Worte in dieser Nacht.




















Kommentare
Ich glaube
Dienstag26. Jänner
2010
Der Urknall, durch den diese Welt entstanden ist,
das ist Gott! Den „Lieben Gott“ haben Menschen
„erfunden“, um sich selber zu vergöttern!
Wir müssen alles verantworten, was wir andern
Menschen angetan haben, wenn sich unsere Seelen
nach dem Tod im Jenseits wieder begegnen.
So wie „Gott“ uns hier auf der Erde gewähren lässt,
so dürfen wir auch im Jenseits alles machen was wir
wollen. Dann können sich alle für alles rächen, was
ihnen angetan wurde und der „Liebe Gott“ bleibt
tatenlos, so wie hier auf der Erde!
Himmel und Hölle sind Begriffe, die wir benutzten,
seitdem es uns gibt und wir sprechen können, aus
gutem Grund, denn wenn wir im Jenseits wieder
unkontrolliert auf einander treffen, dann wird das
Böse böser als wir es uns vorstellen können, und
das Gute schöner, als wir es uns wünschen!
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